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Einwanderungsgesetz, Anwerbeabkommen und Chancengleichheit für berufliche Bildung

Handwerkskammerpräsident Katzer richtet auf der Jahresschlussversammlung 2017 Forderungen zur Fachkräftesicherung an die Politik


Hamburg, 28.12.2017 – Das Hamburger Handwerk blickt angesichts des anhaltenden Konjunkturhochs optimistisch ins neue Jahr. Zugleich – auch wegen der guten Lage – bieten drängende Fragen der Fachkräftesicherung Anlass zu großer Sorge. Das erläuterte Präsident Josef Katzer auf der Jahresschlussversammlung 2017 der Handwerkskammer Hamburg und bekräftigte seine Forderungen für den Mittelstand mit den Worten: „Die Politik darf nicht immer nur dann reagieren, wenn die Konzerne Forderungen aufstellen. Dieses Land lebt vom Mittelstand, in dem 80 Prozent aller Beschäftigten ihr Einkommen haben!“

Katzer sprach auf der traditionellen Jahresschlussversammlung im Großen Saal der Handwerkskammer vor rund 300 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Dazu gehörten auch Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit, der Erste Bürgermeister Olaf Scholz, Wirtschaftssenator Frank Horch und zahlreiche weitere Mitglieder von Senat und Bürgerschaft. Nach alter Tradition gaben auf der Veranstaltung auch der Erste Bürgermeister und der Wirtschaftssenator dem Hamburger Handwerk ihre Worte zum Jahreswechsel mit. Bevor Präsident Katzer wichtige Entwicklungen des Jahres einordnete und einen Ausblick auf das kommende Jahr gab, gedachte die Versammlung in einer Schweigeminute des im November verstorbenen früheren (1989–1999) Handwerkskammerpräsidenten Dieter Horchler (1936–2017).

Präsident Katzer mahnte angesichts steigender Abiturientenzahlen und des hohen Fachkräftebedarfs ein Umdenken an: „Eltern, Lehrer, ein Großteil der Gesellschaft meint, dass Abi und Studium zwingend zusammengehören. So wie es früher schon war. Wer heute aber so denkt und handelt, der hat nicht verstan-den oder ist nicht gewillt zu akzeptieren, dass sich die Situation vollkommen geändert hat.“ Es gebe viele Studienaussteiger. Und „Verdiensterwartungen wie in der Vergangenheit“ haben „heute keine Aussagekraft mehr“. Eine Ärztin verdiene mehr als eine Arzthelferin, „aber verdient der Kulturwissenschaftler mehr als der Dachdecker? Nein!“

Dank der Imagekampagne und dank des nachhaltigen Einsatzes von Kammer, Innungen und Betrieben in der Berufsorientierung an Schulen halte das Hamburger Handwerk die Ausbildungszahlen stabil. Nun werde „eine alte Forderung von uns Wirklichkeit“, so Katzer, die Berufsorientierung an allen Gymnasien“. Katzer bedankte sich bei Senator Ties Rabe von der Behörde für Schule und Berufsbildung, ergänzte aber: „Trotzdem: Das ist nur ein erster Schritt.“ Denn die Fortbildung für die Lehrkräfte sei „leider nicht verpflichtend. Sollte die Selbststeuerung der Schulen hier versagen, muss die Stadt eingreifen und eine Verpflichtung einführen.“

Für steigende Ausbildungszahlen und den Erhalt des qualifizierten „Generationenwissens“ erinnerte Katzer daran, dass durch die Handwerksnovelle von 2004 etliche Berufe aus der Meisterpflicht fielen. Beispielsweise bei den Fliesenlegern gibt es dadurch heute zwar erheblich mehr Betriebe, in vielen Fällen sind es Soloselbstständige, aber die Zahl der Auszubildenden hat sich halbiert. Dieses Beispiel zeige: „Für eine Wiedereinführung der Meisterpflicht für einige der sogenannten B-1-Gewerke sprechen gute Argumente.“

An eine neue Bundesregierung richtete Katzer „zwei Wünsche“ des Hamburger Handwerks. „Es ist dringend geboten, die BAföG-Förderung neu zu ordnen! Denn der Weg zum Meister darf nicht steiniger sein, als der zum Bachelor.“ Katzer forderte, der Darlehensanteil und Zuschuss müsse beim sogenannten Meister-BAföG und beim Studierenden-BAföG gleich sein. Da dies noch nicht erreicht ist, unterstützen andere Bundesländer „junge Meister extra, und zwar mit Prämien“, in Niedersachsen gibt es 4.000 Euro für den erfolgreichen Abschluss. So forderte Katzer den Senat auf: „Unsere Meisterschüler in der Hansestadt dürfen nicht schlechter dastehen als bei unserem direkten Nachbarn. Und sie dürfen grundsätzlich nicht schlechter gestellt werden als die Studenten. Chancengleichheit ist das Gebot der Stunde! Diese Chancengleichheit für Hamburg schnell herzu-stellen, das fordern wir vom Senat!“ Dabei sei eine Meisterprämie nur ein erstes Nahziel. „Das eigentliche Ziel sollte eine bundeseinheitliche Regelung sein.“ Damit wiederhole er nur „die Forderung nach kostenfreier Bildung, die heute unumstritten ist. Und die auch für berufliche Bildung gelten muss!“ Derzeit sei ein Studium kostenfrei, aber der Weg zum Meister koste den Einzelnen bis zu 20.000 Euro.

Für seinen zweiten Wunsch bekräftigte der Handwerkskammerpräsident seine Forderung nach einem Einwanderungsgesetz „für einen geordneten Fachkräftezuwachs“ und ergänzte: „Was wir zusätzlich zu einem Einwanderungsgesetz dringend benötigen, ist ein Anwerbeabkommen für Fachkräfte in Europa“, wie damals, als „Gastarbeiter“ gezielt angeworben wurden. „Genau das braucht das Handwerk, braucht der Mittelstand, in Deutschland und in Hamburg. Nicht über-morgen, sondern heute!“ Katzer bat Olaf Scholz „als einen in Berlin einflussreichen Politiker“, sich in Berlin dafür einzusetzen.

Außerdem brauche das Handwerk ausreichend bezahlbare Flächen. Doch der Platz werde „knapp und knapper, die Preise hoch und höher“. Katzer fragte: „Warum nimmt die Stadt hin, dass gerade die ausbildungs- und ertragsstarken“ Meisterbetriebe „ins Umland abwandern?“ Das Stadtentwicklungskonzept der Nutzungsdurchmischung in geplanten Stadtteilen sei genau richtig. Aber kaum ein Betrieb könne genaue Zusagen für eine Ansiedlung in späteren Jahren machen. Das sei auch nicht erforderlich: „Der Bedarf wird da sein.“ Es gehe dabei nicht nur um die Bestandssicherung, sondern: „Denken Sie auch an neue Handwerksbetriebe, die sich in Hamburg ansiedeln könnten. Hier ist mehr Mut gefragt!“
Im Feld der Digitalisierung nannte der Präsident wegweisende Entwicklungen im Handwerk, wie beim Ausbildungszentrum Bau oder den Innungen Elektro und Kfz: „Das Handwerk ist auf dem Weg“, so Katzer, „doch hält die Berufsschule da mit?“

Und er ging noch weiter: „Der Grundstein für die technologische Zukunft wird in den Schulen gelegt.“ „Politik und Verwaltung in den Ländern“ seien gefordert, „Bildungsinhalte“ anzupassen, „auch in Hamburg!“ Der Unterricht in „digitalem Grundwissen“ für Erstklässler ab 2018 sei „viel zu langsam angedacht“. Digitale Basiskompetenzen müssten ab sofort unterrichtet werden, auch in den höheren Klassen. „Damit wir schnellstmöglich digital vorgebildete Azubis in den Betrieben haben!“ Katzer schlägt daher vor: „Wir brauchen ein Kompetenzzentrum für technologische Entwicklung“, um „die Digitalisierung, den 3-D-Druck, die Automatisierung, die Robotertechnik“ in einem „großen Schub“ voranzutreiben.

Traditionell werden auf der Jahresschlussversammlung Persönlichkeiten für besondere Verdienste um das Handwerk geehrt. Die Handwerkskammer Hamburg verleiht als Ausdruck des Dankes und höchster Anerkennung die Ehrennadel in Silber, zusammen mit dem Award der Kammer – in diesem Jahr an zwei Persönlichkeiten. Vizepräsident Hjalmar Stemmann zeichnete den Siebdruckmeister Hellmuth Frey (70), Obermeister der Bundesinnung und der Hamburger Innung, für sein wegweisendes Engagement aus. Hellmuth Frey wirkte maßgeblich darauf hin, diesen traditionellen Beruf in die digitale Zukunft zu führen. Seit 2011 können sich Nachwuchskräfte im neuen Ausbildungsberuf „Medientechnologe/in Siebdruck“ vielfältig spezialisieren, so wie Freys eigener Sohn: „Christian Frey hat den von seinem Vater entwickelten Beruf gelernt, und zwar erstklassig“, erläuterte der Vizepräsident. Frey beendete seine Ausbildung als 1. Bundessieger im Leistungswettbewerb des Deutschen Handwerks 2015.
Die Ehrung für herausragendes Engagement mit erheblicher Tragweite für das Wohl des Handwerks geht auch an Nicht-Handwerker – in diesem Jahr an den Diplom-Kaufmann Volker Okun (69). Als früherer Geschäftsführer der damaligen Hamburger Landesinnung der Gebäudereiniger und als heutiger Geschäftsführer des Gesamtverbandes des Hamburger Handwerks und des berufsständischen Versorgungswerks Hamburgs lebt er die Interessenvertretung für das Handwerk aus vollem Herzen. Als „begnadeter Netzwerker“, so Stemmann, bringe Okun seine „außergewöhnliche Fähigkeit“ ein, „Menschen, Unternehmen und Beteiligte zusammenzubringen. Sie so zu vernetzen, dass daraus wieder Neues und Gutes entsteht.“

Am Ende der Jahresschlussversammlung dankte Präsident Katzer im Namen des Hamburger Handwerks allen Partnern aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft, von Verbänden und Gewerkschaften für die konstruktive Zusammenarbeit. Sein ausdrücklicher Dank ging außerdem an die „zahlreichen ehrenamtlich Aktiven, die Innungen, die Handwerksorganisationen und befreundete Kammern“.

Für die musikalische Unterhaltung des Abends sorgten Klaus-Werner Held (Klavier) und Boris Havkin (Trompete). In den Foyers des Gebäudes wurde den Gästen Teile der diesjährigen Ausstellung „100 Jahre Gewerbehaus am Holstenwall“ der Fritz-Schumacher-Gesellschaft präsentiert.

Kontakt

Ute Kretschmann
Pressesprecherin Handwerkskammer Hamburg
Holstenwall 12 - 20355 Hamburg
Telefon 040 35905-227 - Mobil 0175 7226948
ute.kretschmann(at)hwk-hamburg.de - www.hwk-hamburg.de

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